Die klassische Musik hat mir beigebracht, wie man zuhört. Jede Note will ihre Zeit, die Phrasierung ist eine Disziplin, eine gute Etüde dauert Monate. Das ist die Geduld, die ich heute noch habe, wenn ich einen Track fertig mache.
Ableton hat mir gezeigt, dass Zeit elastisch ist. Dass man eine Kick-Drum drei Millisekunden nach hinten schieben kann, nur weil es besser groovt. Dass ein Loop auch ein Instrument ist. Und dass es zwischen Komposition und Produktion keine harte Kante gibt — sondern einen Übergang, den man selbst baut.
Andere Musiker·innen mussten sich entscheiden. Bei mir ist diese Entscheidung nie passiert. Vielleicht, weil ich als Teenager Brouwer und Pantera gleichzeitig gehört habe. Vielleicht, weil mir keiner gesagt hat, dass das zwei Welten sind. Ich hab das erst später von Musikjournalisten erfahren — und da war es zu spät.
Moin. Nils.
— Bremen, irgendwann zwischen elf und dreizehn.
Meine erste Gitarre bekam ich mit zwölf. Sie stand in einem Keller in Bremen und gehörte jemandem, der sie nicht mehr brauchte. Ich habe mir in den ersten Wochen die Finger wund gespielt, und von da an war die Frage, was ich mal werden sollte, für mich geklärt.
Ich bin dann durch die üblichen Stationen gegangen. Musikakademie Kassel, Musikhochschule Köln, Staatsexamen. Meisterkurse bei Leo Brouwer, David Russell, Thomas Müller-Pering, Ivo und Sofia Kaltchev — das war die klassische Schiene, sehr ernsthaft. Daneben aber hörte ich auch Pantera, Hip-Hop, irgendwann das, was damals noch Electronica hieß. Irgendwo in mir war von Anfang an klar: Das eine allein reicht mir nicht.
2004 zog ein Freund mir Ableton Live auf den Laptop. Das war der Moment, ab dem mein Notenblatt einen zweiten Boden bekam. Was danach passierte, ist eigentlich eine Abfolge von Zufällen, von Leuten, die mich weiterempfohlen haben, und von Abenden, an denen ich spät aufgegeben habe. Die Liste, die aus all dem geworden ist — tausend Konzerte, fünf Jahre Tour mit Achim Reichel, Masterclasses in Havanna, San Diego, Paris, Wien, ein Buch, 28 Videotrainings, das ACT-Zertifikat seit 2008 — ist die Liste. Aber eigentlich ist es eine Geschichte, die an genau dem Tag im Keller in Bremen losgegangen ist.
Heute sitze ich in meinem Studio in Syke. Der Unterricht läuft online, die Welt reicht bis auf den Schreibtisch. Mehr davon auf den folgenden Metern.
Ein Journalist hat mich nach einem Abend in der Elbphilharmonie einmal einen „Dompteur auf der Rhythmus-Combo" genannt. Ich fand das passend genug, um es zu behalten.
Wenn ich versuche, die letzten zwanzig Jahre zu sortieren, komme ich nicht bei einer Liste raus. Ich komme bei Orten raus, Räumen, Nächten. Bei der Ziegelwand in Dresden. Beim Tejo. Bei meinem Koffer, der nach zwanzig Tagen nicht mehr zugeht. Hier sind ein paar davon.
Eines ist laut und ehrlich, das andere leise und weit. Beides bin ich, an unterschiedlichen Tagen.
Beschreibung folgt — Konstellation, Songs und Releases werden ergänzt, sobald die Eckdaten stehen.
Solo-Projekt. Beschreibung und Releases werden ergänzt, sobald die Eckdaten stehen.
Wir spielen mit Achim Reichel und seinem Projekt A.R. & Machines. Es ist der letzte Abend der Tour, das Konzert ist ausverkauft, die Halle steht.
Mein Setup: klassische Gitarre, ein Push, ein Laptop mit Ableton, ein Kemper. Ich spiele und dirigiere gleichzeitig — alles, was elektronisch abläuft, wird von mir gestartet. Die Rhythmus-Combo schaut auf meinen Finger. Wenn ich zögere, zögert die Band.
Im Saal sitzt Michael Breuer von Rocktimes. Er schreibt später:
Und neben ihnen ackert Nils Hoffmann mit Gitarre und Computer-gesteuerten Keys, vor allem aber als überdimensionaler Dirigent, der eher wie ein Dompteur auf seine Rhythmus-Combo einwirkt.
Das Bild vom Dompteur ist seitdem bei mir geblieben. Vielleicht, weil es stimmt. Vielleicht, weil es eine der netteren Beschreibungen ist, die man für einen Menschen gefunden hat, der gleichzeitig Gitarre spielt und eine Band mit dem Finger startet.
Es gibt einen Teil meiner Arbeit, der weder Unterricht noch Bühne ist. Dinge, die auf meiner Werkbank entstehen, weil mich jemand gefragt hat — oder weil sich eine Idee nicht anders erklären ließ.
Vor ein paar Jahren kam ein Theater auf mich zu. Die wollten eine Szene, in der eine Tänzerin durch ihre Bewegung die Musik auslöst — nicht umgekehrt. Ich habe Infrarot-Sensoren an eine MIDI-Bridge gehängt und Ableton dahintergesetzt.
Seitdem baue ich das öfter: für Performances, Installationen, Raum-Klang-Setups. Oft schule ich hinterher die Techniker·innen, die das Ganze später selber bedienen. Für mich ist Show-Design nie fertig, wenn ich die Bühne verlasse.
Die Acht-Hand-Instrumente sind elektronische Geräte, auf denen acht Menschen gleichzeitig spielen — jede·r eine Stimme, alle zusammen ein Klangkörper. Ich baue die für Museen, Bildungsformate und Kinder-Workshops.
Das Prinzip dahinter ist das gleiche wie in meinem Unterricht: Ich erkläre nicht so lange, bis alle nicken. Ich baue einen Raum, in dem Fragen Sinn ergeben.
Wer mich unterrichten sieht, hört den Musiker mit. Wer mich spielen hört, versteht den Lehrer besser. Beides ist in Reichweite.